Rheingau 2001

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Am Ende der Welt

aus Erinnerungen, 75 Jahre DPSG Bingerbrück, von Andreas Schleicher

Am 25. März 2002 brechen 35 mutige Pfadfinder aus Bingerbrück zu einer waghalsigen Tour auf: Sie wollen den Rheingau durchqueren.

Ich komme aus Bingerbrück und wer da wohnt, weiß: Das ist keine Weltstadt. Wer mit der Schule fertig ist, geht oft bald weg. Es gibt nur wenige Leute, die älter als zwanzig sind und als Leiter arbeiten. Ich war neunzehn, als Tobias und Mareike Müller den Vorstand abgaben und ich zusammen mit Dominik Maschke Vorstand wurde. Neunzehn ist ganz schön jung für so viel Verantwortung, aber mit der richtigen Portion Naivität kann man das ganz gut meistern. Ich hatte eigentlich nur keine Lust auf langweilige Arbeiten, Ideen hatte ich jede Menge.

Eine ganz prächtige Idee, und eine wunderbar naive dazu, war unser Osterlager.

Meine Welt als Neunzehnjähriger erstreckte sich zwischen Bingen, Kreuznach und Mainz. Rüdesheim gehörte dazu, aber hinter Rüdesheim da hörte plötzlich die Welt auf. Da glaube ich heute fast noch dran. Der Rheingau ist Niemandsland. Vielleicht wohnen da Trolle oder so. Und da, im Rheingau, wollten wir ein kleines Wanderlager machen, an Ostern, mit dem ganzen Stamm.

Eigentlich machen erst die Pfadfinder, also die Dreizehnjährigen, ihr erstes Wanderlager. Aber wir wollten alle mitnehmen, auch die Wölflinge. Meine Mama sagte: „Ihr seid verrückt, an Ostern ist es schweinekalt.“ Ich antwortete: „Quatsch, an Ostern suchen wir immer Eier im Garten und dazu scheint die Sonne und die Vögel singen.“, und dachte: „Mir doch egal, klappt schon.“

Ich habe dann eine Strecke auf einer Wanderkarte ausgesucht. Mit ein paar Jungs wollten wir die Strecke abfahren, mit folgender Idee: Wenn wir die Strecke mit dem Fahrrad an einem Tag schaffen, dann schaffen wir sie zu Fuß in vier.

Der Fahrradtrupp bestand aus Hannes Woog, Hoschi (Mathias Höfel), Chissi (Christian Schmidt) und mir. Wir sind morgens früh los, mit dem Zug nach Niederheimbach und der Fähre rüber nach Lorch. Von da an ging’s steil bergauf. Die Fahrradtour wurde zur Qual. Wir haben uns verfahren. An einem Kloster haben wir uns auf einen Felsen gehockt und Spaghetti gekocht. Spät Abends, so gegen elf Uhr, waren wir wieder zu Hause. Die Strecke war zu lang, ich baute sie um.

Ich hatte ein Gesamtkonzept: Am ersten Tag fährt die Gruppe mit dem Zug nach Niederheimbach und setzt dort mit der Fähre über. In Lorch betritt sie den Rheingau. Von nun an übernachten alle zusammen im Freien, an verschieden Orten, welche wir vorher „klarmachen“. Vier Tage später verlassen wir den Rheingau in Rüdesheim und setzen mit der Fähre über nach Rheinland-Pfalz. Ein zweits Team, welches täglich wechselt, transportiert mit dem Volvo Zelte, Essen und einen Teil des Gepäcks der Wölflinge an den Ort der Nächtigung. Dort bauen sie die Zelte auf, suchen Wasser und Beginnen mit dem Kochen.

Ich fing an mir zu überlegen, wo wir Übernachten sollen und griff zum Telefonbuch. In gut gelegenen Käffern habe ich einfach blind irgendwelche Leute angerufen, und gesagt: „Guten Tag, Schleicher mein Name. Ich gehöre zu den Pfadfindern aus Bingerbrück, wir machen eine Wandertour durch den Rheingau und wollen in ihrem wunderschönen Ort übernachten. Ich habe sie einfach zufällig aus dem Telefonbuch ausgewählt. Können Sie mir weiterhelfen, oder kennen sie jemanden, der das kann?“

Die Nummer klappte erstaunlich gut. Meine Recherchen führten mich zum Herrn Arz in Ranselberg. Dieser besitzt ein großes Klamottengeschäft, welches da drüben ganz bekannt ist und ihn reich gemacht hat, so erzählen es die Leute. Am Telefon klingt er nett und sagt: „Kein Problem“.

Für die anderen beiden Nächte hatte ich auch was organisiert, im Rüdesheimer Wald oder sonstwo. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wo und was das war. Es ist auch egal – es kam alles anders.

Montag, 25. März 2002

Am HBF Bingen knutschen Mütter ihre kleinen Kinder ab, Gepäck wird in den Volvo geladen und im Allgemeinen wird ziemlich viel herum geschrieen. Die Sonne scheint. Dann steigen die Pfadfinderinnen und Pfadfinder des Stammes St. Rupertus in die Regionalbahn Richtung Koblenz. Am ersten Tag bilden Hoschi und ich den Fahrdienst.

Es gibt ein kleines Problem. Die letzte Nacht war recht kalt und für die nächste Nacht sind minus fünf Grad gemeldet. Die Kids haben Schlafsäcke vom Aldi dabei. Die reichen nicht bis minus fünf Grad.

Wir fahren aber erst mal rüber zum Bauer Arz um „Hallo“ zu sagen und unseren Kram abzuladen. Bauer Arz ist eine merkwürdige Erscheinung und ich bin mir auch heute noch nicht sicher was ich von ihm halten soll. In seinem Garten hat er eine kleine Ausstellung alter Geräte aus der Landwirtschaft. Er erzählt, dass er eine örtliche Jugendgruppe gegründet hat, die ‚Babies’. Die Babies sind zwischen sechs und achtzehn Jahre alt.

Zwischen den ganzen Traktoren und Pflügen bauen wir die Zelte auf und für das Kälteproblem erarbeiten wir folgenden Plan: Wir fahren zurück nach Bingerbrück und holen bei den Leuten so viele Wolldecken, wie wir nur bekommen können. Die schmeissen wir dann zu den Kindern in die Zelte. Wir selbst trinken einfach ein paar Bier und können dann sowieso gut schlafen.

Am Abend und später als erwartet kommen peu a peu alle beim Bauer Arz an. Die Wanderung war ziemlich anstrengend. Es musste viel motiviert werden. Noch ist schönes Wetter, die Langhaarrinder auf der Weide nebenan eine Attraktion und es herrscht eine gute Stimmung. Wir kochen Nudeln mit Tomatensoße, alle werden satt und es wird langsam kälter. Bauer Arz hat einen kleinen Raum, mit Feuer, in den wir uns setzten dürfen, zusammen mit ihm.  Der gute Herr labert ziemlich viel, von seinen Babies, die einmal die Woche Brot backen und die Leute kaufen das oder anders herum und will uns zur Zusammenarbeit anregen. Wir lehnen dankend ab, „zu viel Arbeit, sowieso.“ Recht früh geht’s dann ins Bett, bzw. Zelt.

Die Nacht ist sehr kalt. Meinen Schlafsack hatte ich zur Erstkommunion bekommen. Ich liege einige Stunden wach und schneuze immer wieder in ein Tempo. Irgendwann kann ich ein bißchen schlafen, aber nach vielleicht einer halben Stunde wache ich wieder auf. Als ich in mein Tempo benutzen möchte ist es gefroren und zerbricht. Ich richte mich auf und stöhne mit letzter Kraft: „Verdammte Scheiße, bin ich hier vielleicht der Einzige, der nicht schlafen kann?“ „Nee, ich auch nicht.“ ertönt es da, und „Man, ich bin seit Stunden wach.“ Niemand hat geschlafen. Wer hatte eigentlich diese blöde Idee mitten im Winter draußen zu übernachten? Später kommt noch ein Wölfling, dem es ähnlich geht ins Zelt und hängt dann bei uns rum. Irgendwann wird es Morgen, ich weis auch nicht genau wie.

Die Frage, die uns die Nacht beschäftigte war: „Wenn wir uns hier einen abfrieren, wie geht es dann bitte den Siebenjährigen im Zelt nebenan?“ Na ganz prächtig ging es denen! Die haben alle schön geschlafen unter ihren zehntausend Wolldecken, mollig warm war es da!

Dienstag 26. März 2002

Recherchen ergeben, die Einzigen die gefroren haben letzte Nacht, waren wir, die Leiter. Na so geht’s ja nicht! Während andere Leute Frühstück vorbereiten, fahren Hoschi und ich zum nächsten Etappenziel: Presberg. Wir wollen irgendwo drinnen übernachten. Unser Weg führt uns zum Haus eines älteren Ehepaares, wir wollen ihn sprechen. Nach dem Klingeln öffnet eine ältere Dame die Tür und schaut uns grimmig an. „Ja?“ fragt sie. Mir fällt erst jetzt auf, wie dreckig ich bin. „Guten Tag, wir würden gerne Ihren Mann sprechen.“ „Um was geht’s?“ fragt sie ganz vorwurfsvoll. „Ähh, also, wir sind Pfadfinder und wir wandern hier mit unseren Kindern durch den Rheingau, und..“ „Ach Pfadfinder?“ – ihre Miene lockert sich sichtlich – „kommt doch rein, wollt ihr was trinken, ich hole schnell meinen Mann, oder Kuchen?“ Na das ist ja mal ein Empfang. Gibt es doch tatsächlich Leute, die ein gutes Bild von Pfadfindern haben. Das Ehepaar ist schrecklich nett, er ist der Hausmeister der örtlichen Turnhalle oder so etwas und es ist „alles kein Problem, da dürft ihr gerne übernachten.“ Weltklasse.

Mit dem Volvo geht’s mit Vollgas zurück zum Bauer Arz. Frühstück ist natürlich schon vorbei. Hoschi und ich schieben uns noch schnell was rein, während es beim Beladen des Volvo Probleme gibt. Es passt nicht mehr alles rein. Man findet heraus, dass sich ein paar Pfadfinder um ihr Gepäck drücken wollten und ihre Schlafsäcke einfach unter die der Wölflinge gemischt haben. Benedikt Brauns Argumentation „Das ist auch unfair, dass die Wölflinge das nicht tragen müssen und wir schon“, lassen wir gemeinerweise nicht gelten und brummen jedem noch ne Stange Salami als extra Gepäck auf.

Die Wanderung verläuft recht schön und entspannt, hat aber ein knackiges Finale, es geht noch mal steil bergauf. Mit gutem Zureden und Wölflinge Huckepack nehmen können wir aber auch dieses meistern und erreichen gegen Abend die Turnhalle. Wir kochen Chili con Carne und es gibt Überraschungsgäste. Tobi und Mareike Müller kommen vorbei, und Katrin Heuberger. Unser alter Vorstand beäugt kritisch, was wir da so machen, aber finden alles auch irgendwie „klasse“.

Der nette Hausmeister stellt uns extra die Heizung wärmer und wir nutzen die Turnhalle abends noch ein bißchen zum Kicken, bevor alle ihre Isomatten ausrollen und in sportlicher Atmosphäre ratzen gehen.

Mittwoch, 27. März 2002

Am heutigen Tag sind die Karten neu gemischt, denn wir haben mal wieder keine Ahnung, wo wir Übernachten sollen. Wolfram Schleicher und Micha Völkskov bilden den Fahrdienst, und der neue Plan ist so: Wir wandern über Stephanshausen Richtung Rüdesheim. Gleichzeitig versucht Team ‚Volvo’ einen Platz für die Nacht zu organisieren. Man telefoniert dann.

Wir gehen recht entspannt und leicht abschüssig Richtung Stephanshausen. Irgendwann am Nachmittag machen wir Rast und treffen die beiden Scouts wieder. In einem Anflug von Genialität haben die beiden uns einen Schlafplatz im Kloster Marienthal besorgt, auf halbem Weg zwischen Stephanshausen und Rüdesheim. In Geisenheim haben sie zu Mittag gegessen und Grillfleisch für den Abend gekauft. Wie schön sich immer alles zum Guten wendet.

Später im Kloster kümmert sich der junge Bruder Bernhard sehr um uns, die anderen Brüder schauen etwas skeptisch. Alle Gruppenkinder werden im Meditationsraum untergebracht, einem gemütlichen Zimmer über der Kapelle, die Leiter schlafen im Gästehaus zusammen mit einer Familie. Was denn für eine Familie, werdet ihr jetzt fragen? Na eine Familie, die im Kloster Urlaub macht! Zusammen mit ihrem Sohn, dem kleinen Johannes, der jetzt natürlich mit unseren Jungs rumhängt. Und Geschichten zu erzählen hat er: „Also gestern, da waren wir auf einem Berg und da gab es eine Kirche vom heiligen Johannes und dann wollten wir da eine Figur vom heiligen Johannes kaufen und dann gab es da gar keine Figuren und ich war ganz traurig aber dann haben wir Abends zu hause in ein Buch geschaut und da war ein Bild vom heiligen Johannes und dann war wieder alles in Ordnung.“ Unsere Jungs sind nicht so gut mit dem kleinen Johannes ausgekommen.

Als die Sonne hinter den Bergen des Rheingaus untergeht, haben ein Steak und eine Bratwurst pro Person viele hungrige Mägen gestillt. Eigentlich hat der gute Hoschi morgen Geburtstag und wir wollen reinfeiern. Aber diese ganze Wanderei mit so vielen Kindern macht wirklich müde. Also schlägt jemand vor, dass wir Hoschis Geburtstag einfach vorziehen auf elf Uhr. Wolfram regt sich zwar ein bißchen auf, wird aber überstimmt. Um elf lassen wir dann die Korken knallen und wenig später gehen Matze Schellin, Hannes und ich rüber in die Meditationsstube um zu schlafen. Wir sind drüben, weil irgend jemand ja auf die Kinder aufpassen muss. Und ganz zu unserem Vorteil.

Donnerstag, 28. März 2002

Um 6:30 Uhr versammelt sich die christliche Familie im Speisesaal des Gästehauses und stellt sich in einer Reihe vor den schlafenden Pfadfindern auf, bereit zum morgendlichen Gesang, auf dass es aus ihren Kehlen erschalle: „Steht auf liebe Pfadfinder, die Sonne ist aufgegangen, steht auf liebe Pfadfinder…“ Gleichzeitig drehe ich mich in meinem Schlafsack um und schlafe noch mal zwei Stunden.

Heute ist unser letzter Tag. Der letzte Lagertag bringt immer gemischte Gefühle mit sich. Das Wanderlager war klasse, alles hat mal wieder super funktioniert, ich blicke in zufriedene und ausgeglichene Gesichter. Dennoch freue ich mich auf mein Bett und mein eigenes Klo, und die Ruhe.

Unsere Tour führt uns durch Marienthal hinüber zum ehemaligen Kloster Nothgottes und hinauf nach Windeck, wo ein Schild auf einen ‚Kulturbeutel’ hinweist. Von nun an gehen wir nur noch abwärts, lassen die Abtei St. Hildegardis rechts liegen und gehen direkt über Eibingen hinunter bis an den Rhein. Mit der Personenfähre setzten wir über nach Bingen. Auf dem Boot singen wir noch unser ‚Nehmt Abschied Brüder’, denn auf der anderen Seite geht Nils schon einen anderen Weg.

Die letzten Schritte führen uns über die Nahebrücke, dann über die Eisenbahnbrücke und in Bingerbrück trennen sich alle und gehen sofort nach Hause. Nur die Wölflinge kommen noch mit zum Pfadfinderheim um ihre Schlafsäcke abzuholen und werden von ihren Müttern empfangen. Danach gehe auch ich heim.

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